Vier drehbare Stühle sind vor großen runden Spiegeln installiert. Der elektrische Rasierer surrt, die Frisur eines Mittvierzigers mit graumeliertem Haar wird in Form gebracht. Phil heißt Carl, und der steht hinter seinem Kunden und stutzt dessen Nackenhaare zurecht, Rasierwasserduft liegt in der Luft. An einer Wand hängen Kopien von Stichen, die Barbiere bei der Arbeit zeigen, gegenüber sind es Bleistiftzeichnungen von Herrenköpfen mit Modellschnitten, die in den 1950er-Jahren einmal aktuell gewesen sein dürften.
Carl diskutiert mit einem Bekannten, ob die New York Yankees den Boston Red Sox in den kommenden Spielen überlegen sein werden oder nicht. Gewettet wird über maximal drei Dollar, der Gast, so um die sechzig Jahre alt, will wissen, zu welcher Mannschaft ich halten werde. Er wartet meine Antwort nicht bis zum Ende ab, als er meinen Akzent erkennt, sondern fällt mir auf Deutsch ins Wort: “Oh, sind Sie vielleicht aus Wien?” Er ist erregt und wechselt abrupt das Thema, nun ganz auf Deutsch. Er will wissen, wie ich zu “den Lagern” stehe.
Die Lager. Er fragt nach der deutschen Jugend, nach Antisemitismus, nach Nationalsozialisten, nach jüdischem Leben in Deutschland. Das Gespräch dauert länger als ein Haarschnitt. Ein Großteil seiner Familie sei in deutschen Konzentrationslagern umgebracht worden, er selbst habe in seiner Jugend dennoch die Sprache gelernt und nutze heute jede Möglichkeit, sich mit Deutschen zu unterhalten. Er will wissen, wie es in diesem Land aussieht, das sein ganzes Leben bestimmt hat, wie er sagt. Er sei sogar einmal hingefahren, nach Berlin vor fünfzehn Jahren, nachdem er Jahrzehnte gebraucht habe, bis er nicht mehr von den Lagern geträumt habe. Die plötzliche Begegnung bricht unvollendet ab, mein Gegenüber muss zum nächsten Termin. Carl sieht mich an - “So, you’re German, eh? What about your hair, man?”
1 response so far ↓
1 sah // Jul 22, 2008 at 04:30
wow.
D, i’m really impressed!
obwohl alle einträge von dir auffallend gut sind, sticht dieser (nicht nur wegen seiner thematik) nochmal heraus:
ich habe vergessen mein frühstück weiter zu essen…
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